Software ohne Lebenszyklus PDF Print E-mail

Wie bereits im Vergleich Google vs. Netscape erwähnt besitzt Software aus der Internet-Ära die charakteristische Eigenschaft, dass sie als Service, und nicht als Produkt ausgeliefert wird. Diese Tatsache führt zu einer Reihe fundamentaler Änderungen im Geschäftsmodell eines solchen Unternehmens:

  1. Betriebsabläufe werden zur Kernkompetenz. Google’s und Yahoo’s Fachkompetenz in Sachen Produktentwicklung muss eine ebensolche Kompetenz im täglichen Betriebsablauf gegenüberstehen. Der Übergang von der Software als Artefakt zur Software als Dienstleistung ist derart grundlegend, dass die Software ihre Leistungsfähigkeit schnell verliert, wenn sie nicht täglich gepflegt wird. Google muss das Web kontinuierlich durchsuchen, sein Verzeichnis aktualisieren, Link-Spam und andere Versuche der Beeinflussung ausfiltern, sowie ständig und dynamisch auf Millionen asynchroner Nutzerabfragen antworten und gleichzeitig zum Kontext passende Werbefelder einblenden.Es ist kein Zufall, dass Google’s Systemadministration, Netzwerk und Load-Balancing-Techniken ein evtl. sogar besser gehütetes Geheimnis darstellen als die Suchalgorithmen. Google’s Erfolg bei der Automatisierung dieser Prozesse ist ein Schlüsselelement ihres Kostenvorteils gegenüber der Konkurrenz.Es ist ebenfalls kein Zufall, dass Skriptsprachen wie Perl, PHP, Python und Ruby bei Firmen aus dem Bereich Web 2.0 eine so große Rolle spielen. Perl wurde bekanntermaßen von Hassan Schroeder, Sun’s erstem Webmaster, als “Klebeband des Internet” bezeichnet. Dynamische Sprachen (oft auch Skriptsprachen genannt und von den Software-Ingenieuren der vorhergehenden Zeitspanne müde belächelt) sind die Werkzeuge der Wahl für System- und Netzwerk-Administratoren genauso wie für Anwendungsentwickler, deren dynamische Systeme ständige Anpassung erfordern.
  2. Nutzer müssen, in Anlehnung an Praktiken aus der Open-Source-Entwicklung, als Mitentwickler angesehen werden (auch wenn die fragliche Software wohl nie unter einer solchen Lizenz freigegeben werden soll). Der Open-Source-Grundgedanke “veröffentliche früh und oft” wurde in eine noch extremere Variante überführt, das “ewige Beta”, in dem ein veröffentlichtes Produkt mit monatlichen, wöchentlichen oder gar täglichen Updates offen weiterentwickelt wird. Dienste wie Gmail, Google Maps, Flickr, del.icio.us und viele mehr werden wohl für Jahre ein “Beta”-Logo tragen.Echtzeit-Beobachtung des Nutzerverhaltens um festzustellen, ob und wie neue Features genutzt werden, wird somit ebenfalls zur Kernkompetenz. Ein Entwickler eines großen Onlinedienstes sagte dazu: “Wir veröffentlichen zwei oder drei neue Features pro Tag auf bestimmten Teilen der Seite. Wenn die Leute sie nicht nutzen, nehmen wir sie wieder raus. Und wenn die Leute sie mögen, weiten wir sie auf die gesamte Seite aus.Cal Henderson, Hauptentwickler von Flickr, enthüllte kürzlich, dass neue Versionen manchmal innerhalb von einer halben Stunde veröffentlicht werden. Dies ist natürlich ein völlig anderes Auslieferungsmodell! Obwohl nicht alle Webanwendungen derart häufig Releases ausliefern wie Flickr, haben doch fast alle von ihnen einen Entwicklungszyklus, der sich völlig von den aus der PC- oder Client-Server-Ära bekannten unterscheidet. Dies ist auch der Grund, warum ein Editorial von ZDNet vor kurzem feststellte, das Microsoft niemals Google schlagen wird: “Microsoft’s Geschäftsmodell beruht darauf, dass jeder seine Computer-Umgebung alle zwei bis drei Jahre erneuert. Google’s hingegen beruht darauf, dass jeder täglich nachschaut, was es in seiner Computer-Umgebung Neues gibt.

Während Microsoft enorme Fähigkeiten gezeigt hat wenn es darum ging, von seinen Konkurrenten zu lernen und sie schließlich zu übertreffen, steht es außer Frage, dass die Konkurrenz nun Microsoft (und natürlich auch jede andere etablierte Softwarefirma) zwingt, eine andere Form von Unternehmen zu werden. Native Web-2.0-Firmen genießen allerdings den natürlichen Vorteil, dass sie zuvor keine alten Muster, Geschäftsmodelle und Einnahmequellen loswerden müssen.

Aktualisiert am 14. NOVEMBER 2008