Kollektive Intelligenz PDF Print E-mail

Das zentrale Prinzip hinter dem Erfolg der Giganten aus der Web 1.0 Ära, die überlebt haben um nun die Web 2.0 Ära anzuführen, scheint zu sein, dass sie sich die Stärke des Web zu Eigen gemacht haben, die kollektive Intelligenz zu nutzen:

  • Hyperlinks bilden die Grundlage des Web. Wenn Nutzer neue Inhalte und Seiten online stellen, werden sie durch die Verlinkung von anderen Nutzern in die Struktur des Web einbezogen. Ähnlich den Synapsen im Gehirn, deren Assoziation durch Wiederholung und Intensität stärker wird, wächst das Netz der Verbindungen auf natürliche Weise als Output der kollektiven Aktivitäten aller Web-User.
  • Yahoo, die erste große Internet-Erfolgsstory, begann als Katalog oder Verzeichnis von Links, eine Aggregation der besten Ideen von abertausenden Web-Nutzern. Obwohl Yahoo inzwischen viele Arten von Inhalten bereitstellt, bleibt sein Kern dennoch die Rolle eines Portals zu den gesammelten Werken der Internet-Gemeinde.
  • Der Durchbruch für Google, der das Unternehmen schnell zum unumstrittenen Marktführer bei den Suchmaschinen werden ließ, war PageRank, eine Methode, die die Linkstruktur des WWW mehr als die Eigenschaften der Dokumente selbst nutzte, um bessere Suchergebnisse zu liefern.
  • eBay’s Produkt ist die gemeinschaftliche Aktivität aller Beteiligten. Wie das Web selbst wächst eBay auf natürliche Weise durch intensive Nutzung, und die Rolle des Unternehmens beschränkt sich dabei auf die Bereitstellung des Rahmens, in dem die Nutzung stattfinden kann. Darüber hinaus liegen eBay’s Vorteile gegenüber der Konkurrenz vor allem in der kritischen Masse von Käufern und Verkäufern begründet, die jeden neuen Markteinsteiger weniger attraktiv erscheinen lässt.
  • Amazon verkauft die gleichen Produkte wie seine Konkurrenten (z.B. barnesandnoble.com) und erhält dieselben Produktbeschreibungen, Coverbilder und redaktionellen Inhalte von seinen Lieferanten. Jedoch hat Amazon aus dem Engagement seiner User eine Wissenschaft gemacht und besitzt um Größenordnungen mehr Nutzerbewertungen, bietet Möglichkeiten zur Teilnahme in verschiedenster Weise auf nahezu allen Seiten an, und, vermutlich am bedeutendsten, nutzt die Useraktivität zur Produktion besserer Suchresultate. Während die Suche von barnesandnoble.com häufig mit firmeneigenen oder gesponserten Resultaten beginnt, starten die Ergebnisse bei Amazon mit den “beliebtesten” Produkten, einem in Echtzeit berechneten Maßstab, der nicht nur die Verkaufsmenge, sondern auch auf andere Faktoren berücksichtigt, was in Amazon-internen Kreisen als “Flow” der Produkte bekannt ist. Aufgrund der wesentlich höheren Nutzerbeteiligung ist es kaum verwunderlich, dass auch die Verkaufszahlen die der Konkurrenten deutlich übertreffen.

Inzwischen hinterlassen immer häufiger Firmen, die diese Erkenntnisse aufgenommen und z.T. ausgebaut haben, ihre Zeichen im Web:

  • Wikipedia, eine Online-Enzyklopädie basierend auf der ungewöhnlichen Idee, dass jeder Eintrag von jedem Internet-User bearbeitet werden kann, stellt ein radikales Experiment mit Vertrauen dar, welches eine Maxime von Eric Raymond anwendet (die ursprünglich im Kontext von Open Source Software aufgestellt wurde): “Mit genügend wachsamen Augen werden alle Bugs sichtbar.” Die Wikipedia wird bereits unter den Top-100-Webseiten geführt und viele glauben, dass sie in Kürze unter den Top 10 zu finden sein wird. Dies stellt eine tiefgreifende Veränderung in der Dynamik der Inhaltsgenerierung dar.
  • Seiten wie del.icio.us und Flickr, zwei Firmen die seit kurzem große Aufmerksamkeit genießen, haben ein Konzept vorangetrieben, dass im Allgemeinen als “Folksonomy” (im Gegensatz zur Taxonomy) bezeichnet wird, einer Art kollaborativer Kategorisierung von Seiten mit frei wählbaren Keywords, oft auch als “Tags” bezeichnet. Taggen erlaubt vielseitige, häufig überlappende Assoziierung, die der Arbeitsweise des Gehirns viel näher kommt als sture Kategorisierung. So kann ein Foto einer Puppe bei Flickr sowohl mit “Puppe” als auch mit “hübsch” getagged sein und erlaubt somit durch User-Aktivitäten die Wiederauffindung entlang logischer Wege.
  • Kollaborative Spam-Filter-Produkte wie Cloudmark sammeln die individuellen Einstufungen in Spam und Ham von E-Mail-Nutzern und bieten so ein System, welches besser funktioniert als solche, die auf der Analyse der Nachrichten selbst beruhen.
  • Es ist eine Binsenweisheit, dass die großen Erfolgsstories des Internet ihre Produkte nicht bewerben. Ihre Anziehungskraft beziehen sie nur aus der Mundpropaganda. Man könnte daraus fast den Schluss ziehen, dass ein Produkt, welches auf sonstige Werbung angewiesen ist, nicht zu Web 2.0 gezählt werden kann.
  • Sehr viele Bestandteile der Internet-Infrastruktur, z.B. Linux, Apache, MySQL, Perl, PHP und Python, basieren auf der Produktionsmethodik von Open Source, und sind somit selbst Ausprägungen von durch das Netz ermöglichter kollektiver Intelligenz. SourceForge beinhaltet zur Zeit über 100.000 Open Source Projekte. Jeder kann ein Projekt hinzufügen, jeder kann Code herunterladen und benutzen, und neue Projekte rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit durch User, die sie zum Laufen bringen. Es ist ein biologischer Übernahmeprozess, nahezu ausschließlich basierend auf Mundpropaganda.

Das Fazit für Web 2.0: Netzwerk-Effekte durch Nutzerbeteiligung sind der Schlüssel zur Marktdominanz in der Web 2.0 Ära.

Bloggen und die Weisheit des Volkes

Eines der meistgenannten Features der Web 2.0 Ära ist die Erscheinung des Blogging. Persönliche Homepages gibt es bereits seit den Anfangstagen des Web, persönliche Tagebücher und tägliche Meinungskolumnen sogar noch länger, warum also wird um das Bloggen so viel Aufheben gemacht?

Im Grunde ist ein Blog nur eine persönliche Homepage in der Form eines Tagebuchs. Eines der Dinge, die den feinen Unterschied ausmachen, ist eine Technologie namens RSS. RSS ist der bemerkenswerteste Fortschritt in der grundlegenden Architektur des Web seit ein paar Hacker erkannten, dass CGI zur Erstellung datenbank-basierender Webseiten genutzt werden kann. RSS erlaubt es, eine Seite nicht nur zu verlinken, sondern sie zu abonnieren und bei jeder Änderung informiert zu werden. Rich Skrenta nannte dies das “inkrementelle Web”, andere nennen es das “Live Web”.

Nun wurden dynamische Webseiten (also datenbank-gestützte Seiten mit dynamisch generiertem Inhalt) vor über 10 Jahren erfunden. Die Neuerung des “Live Web” ist aber nun, dass nicht nur die Inhalte, sondern auch die Links dynamisch sind. Ein Link zu einem Weblog zeigt auf eine sich ständig verändernde Seite, mit sogenannten “Permalinks” für jeden individuellen Eintrag und Benachrichtigungen bei jeder Änderung. Ein RSS-Feed ist also ein wesentlich mächtigerer Link als z.B. ein Lesezeichen oder ein einfacher Link zu einer einzelnen Seite.

Aufgrund von RSS sind Webbrowser nicht mehr die einzigen Hilfsmittel, um eine Webseite anzuzeigen. Während einige RSS-Sammler, wie z.B. Bloglines, webbasiert sind, arbeiten andere als Desktop-Clients, und wiederum andere erlauben den Zugriff auf die aktuellen Inhalte per portablem Gerät.

RSS wird inzwischen nicht nur zur Anzeige neuer Blogeinträge benutzt, sondern auch für viele weitere Datenupdates, z.B. Aktienkurse und Wetterdaten. Dies ist im Prinzip eine Rückkehr zu den Wurzeln: RSS wurde 1997 erfunden, als Zusammenschluss von Dave Winer’s “Really Simple Syndication” (welches von vorne herein für Blogs gedacht war) und Netscape’s “Rich Site Summary” (welches Usern erlauben sollte, ihre Homepages mit regelmäßigen Updates zu füttern). Netscape verlor das Interesse und die Technologie wurde von Winer’s Unternehmen “Userland” fortgeführt. In der derzeitigen Menge der Anwendungen finden wir daher das Erbe beider Gründer.

RSS ist jedoch nicht das einzige Feature, welches Blogs von normalen Webseiten unterscheidet. Tom Coates bemerkte zur Signifikanz von Permalinks: “Es mag wie eine triviale Funktionalität aussehen, aber es war im Endeffekt das Instrument, welches Weblogs von einem Werkzeug zur einfachen Publikation in ein dialogorientiertes System sich überlappender Communities wandelte. Zum ersten Mal war es relativ simpel, direkt auf einen speziellen Beitrag auf einer fremden Seite zu verweisen und sich darüber zu unterhalten. Eine Diskussion entstand, ein Chat entstand. Und am Ende entstanden sogar Freundschaften oder wurden gefestigt. Die Permalinks waren der erste - und erfolgreichste - Versuch, Brücken zwischen den Weblogs zu errichten.”

Auf gewisse Weise integriert die Kombination aus RSS und Permalinks viele Features von NNTP, dem Network News Protocol des Usenet, in das Webprotokoll HTTP. Die “Blogosphäre” kann als neues P2P-Äquivalent zu Usenet und Bulletin-Boards angesehen werden, den beliebtesten Kommunikationsmitteln des frühen Internet. Die Leute können ihre Seiten nicht nur gegenseitig abonnieren oder einzelne Passagen verlinken, sondern auch mittels einer Methode namens “Trackback” sehen, wer ihre Seiten verlinkt und mit umgekehrten Links oder Kommentaren reagieren.

Interessanterweise waren Zwei-Wege-Links das erklärte Ziel früher Hypertextsysteme wie Xanadu. Puristen haben Trackbacks als Schritt in diese Richtung gefeiert, aber Trackbacks sind keine Zwei-Wege-Links, sondern vielmehr echt symmetrische Ein-Weg-Links, die nur den Effekt von Zwei-Wege-Links erzeugen. Der Unterschied mag subtil erscheinen, ist in der Praxis jedoch enorm. Systemen des “Social Networking”, wie z.B. Friendster, Orkut oder LinkedIn, die die Bestätigung des Empfängers erfordern, um eine Verbindung herzustellen, fehlt die Skalierbarkeit des Webs. Wie Catherine Fake, Mitbegründerin des Flickr Fotoservice anmerkte, beruht Aufmerksamkeit nur im Zufall auf Gegenseitigkeit. (Daher erlaubt Flickr seinen Usern das Erstellen sogenannter Watchlists - jeder User kann die Fotoreihen eines anderen per RSS abonnieren. Der andere Nutzer wird von dem Abonnement in Kenntnis gesetzt, muss die Verbindung aber nicht bestätigen.)

Wenn wir die Nutzung kollektiver Intelligenz als essentiellen Teil von Web 2.0 betrachten, die das Web in eine Art globales Gehirn verwandelt, stellt die Blogosphäre das Äquivalent zur ständigen geistigen Aktivität im Vorderhirn dar, die Stimme, die wir alle in unseren Köpfen hören. Es reflektiert i.d.R. nicht die tiefere Struktur des Gehirns, welcher wir uns häufig unbewusst sind, sondern repräsentiert die bewussten Gedanken. Und als Reflexion bewusster Gedanken und Aufmerksamkeit, hat die Blogosphäre einen wichtigen Effekt.

Zum einen, weil Suchmaschinen Linkstrukturen nutzen, um nützliche Seiten herauszufiltern. Blogger haben somit als überaus produktive und häufige Linker eine überproportionale Bedeutung bei der Gestaltung von Suchmaschinen-Ergebnissen. Zum anderen referenziert sich die Blog-Community in hohem Maße selbst, sodass Blogger, die anderen Bloggern Beachtung schenken, ihre Sichtbarkeit und Macht erhöhen können. Der “Hallraum”, den viele Kritiker beklagen, dient somit als Verstärker.

Wenn es ein bloßer Verstärker wäre, wäre Bloggen recht uninteressant. Aber ähnlich zu Wikipedia, nutzt das Bloggen die kollektive Intelligenz als eine Art Filter. Was James Suriowecki “die Weisheit der Masse” nennt, kommt hier ins Spiel, und so wie PageRank bessere Suchresultate liefert als die Analyse jedes einzelnen Dokumentes, markiert die kollektive Aufmerksamkeit der Blogosphäre den Wert der Beiträge.

Während manche Mainstream-Medien einzelne Blogs als Konkurrenten ansehen, ist das wirklich spannende der Wettbewerb mit der Blogosphäre als Ganzes. Dies ist nicht nur ein Wettbewerb zwischen Seiten, sondern zwischen zwei verschiedenen Geschäftsmodellen. Die Welt des Web 2.0 ist auch eine Welt dessen, was Dan Gillmor “wir, die Medien” nennt, eine Welt in der das “ehemalige Publikum”, nicht ein paar wenige Leute im Hintergrund, entscheiden was wichtig ist und was nicht.

Aktualisiert am 14. NOVEMBER 2008